Versuch einer Theorie der scheinbaren Entfernungen. (Q1499397)
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scientific article; zbMATH DE number 2651980
| Language | Label | Description | Also known as |
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| English | Versuch einer Theorie der scheinbaren Entfernungen. |
scientific article; zbMATH DE number 2651980 |
Statements
Versuch einer Theorie der scheinbaren Entfernungen. (English)
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1905
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Die Erfahrung lehrt, daß man bei Distanzschätzung von einem festen Punkt aus die Entfernungen im allgemeinen um so mehr unterschätzt, je größer sie sind. Stehen nun diese Schätzungen in irgend welchen gesetzmäßigen Beziehungen zu einander? Zur Beantwortung dieser Frage wurden vom Verf. Versuche vorgenommen, als deren Objekte die Lampen der Straßenbeleuchtung dienten. Die Entfernungen der Lampen vom Beobachtungsstandpunkt aus wurden geschätzt und dann abgeschritten. Bedeutet \(d\) die wahre Distanz und \(d'\) die taxierte, so ergab z. B. die eine Beobachtungsreihe \[ \begin{matrix} \l\;& \l\;& \l\;& \l\;& \l\;& \l\\ d= & 56 \,m & 100\, m & 143\, m & 205\, m & 270\,m\\ d'=& 100 & 170 & 215 & 250 & 270\, .\end{matrix} \] Die \(d'\) stellen nur relative Größen dar. Der Abstand \(d_1'\) der ersten Lampe vom Beobachter wurde gleich 100 gesetzt und die Entfernung \(d_2',d_3',\dots\) mit dieser Lampe verglichen. Ein mathematischer Ausdruck für den Zusammenhang der Größen \(d\) und \(d'\) muß die Form haben: \(d' = f(d)\). Da erfahrungsgemäß kleine Entfernungen nicht unterschätzt werden, ist dieser Ausdruck so zu gestalten, daß bei einem kleinen Werte \(d\) der Wert \(d'\) nahezu mit \(d\) zusammenfällt. Ferner darf in der gesuchten Funktion die Größe \(d'\) bei noch so großem \(d\) einen bestimmten endlichen Wert nicht überschreiten, weil uns z. B. der Mond in derselben Entfernung erscheint; wie die ihn umgebenden Fixsterne. Den beiden gestellten Bedingungen entspricht als einfachster Ausdruck: \(d' = cd/(c + d)\), wo \(c\) eine bestimmte, ziemlich große Konstante bedeutet. Aus \[ d_1'=\frac{cd_1}{c+d_1}\,,\quad d_2'=\frac{cd_2}{c+d_2} \] ergibt sich sofort \[ c=\frac{d_1d_2(1-d_1'/d_2')}{d_2d_1'/d_2'-d_1}\,. \] So entsteht bei jeder Versuchsreihe für \(c\) ein Mittelwert; für die oben angegebene ist \(c=216\). Einen Maßstab für die Verwendbarkeit der Formeln gewinnt man dadurch, daß man mit dem betreffenden \(c\) nach der Formel die Distanzen \(d'\) berechnet und die Einheit für die geschätzten \(d'\) so wählt, daß in jeder Versuchsreihe der kleinste geschätzte Wert \(d'\) mit dem aus der Formel gefundenen numerisch übereinstimmt. Dann ist in der angeführten Versuchsreihe \[ \begin{aligned} & d'\text{ (geschätzt) 44,4 }m,\;\text{75,6 }m,\;\text{95,6 }m,\;\text{112,0 }m,\;\text{105,2 }m,\\ & d'\text{ (berechnet) 44.4 }m,\;\text{68,3 }m,\;\text{86,0 }m,\;\text{105,2 }m,\;\text{120.0 }m.\end{aligned} \] Die Übereinstimmung zeigt, daß die geschätzte Distanz \(d'\) mit der wahren Distanz \(d\) in dem Zusammenhang \(d' = cd/(c+d)\) steht, wo \(c\) für ein und dieselbe Versuchsreihe konstant bleibt, für jede andre Versuchsreibe aber einen andern Wert hat. Die Konstante \(c\), die ``Unterschätzungskonstante'', hängt natürlich davon ab, ob die Umgebung hell erleuchtet oder finster, einförmig oder abwechslungsreich ist, überhaupt davon, welche Erfahrungsdaten uns vom Beobachtungsort zugänglich sind. Die vom Verf. entwickelte Theorie gestattet eine ungezwungene Erklärung der scheinbaren Konvergenz paralleler Linien. Nimmt man den Standpunkt des Beobachters als Anfangspunkt eines rechtwinkligen Koordinatensystems, und verläuft in der Entfernung \(a\) von der \(y\)-Achse eine Gerade, so ist deren Gleichung: \(x=a\). Diese Gerade erscheint jedoch wegen der Unterschätzung der Entfernungen als krumme Linie, und einer ihrer Punkte, \(p\), wird nicht in der Entfernung \(d\), sondern in der Entfernung \[ d' = cd/(c+d)=\sqrt{x^2+y^2} \] gesehen. Durch Benutzung der Beziehung \(x/\sqrt{x^2+y^2}=a/d\) ergibt sich schließlich nach Elimination von \(d\) und \(d'\) als Gleichung der Kurve \(c^2(a-x)^2=a^2(x^2+y^2)\). Dies ist die Gleichung einer Hyperbel, deren reelle Achse mit der \(x\)-Achse zusammenfällt. Für \(x=0\) wird \(y =\pm c\). Die Punkte, in denen die Kurve die \(y\)-Achse schneidet, haben also die Entfernung \(c\) vom Beobachtungsort. Bedeutet nun die Gerade \(x=a\) eine der Parallelen, z. B. eine der beiden Eisenbahnschienen, die Ordinatenachse aber die Mittellinie zwischen den beiden Schienen, so schneiden sich die letzteren scheinbar in der Entfernung \(c\). Ein ähnliches Problem ist das der Alleekurve, das in seiner einfachsten Fassung lautet: Welche Kurve ist so beschaffen, daß ihre Punkte, von einem fixen Standort aus gesehen, in einer gegebenen geraden Linie zu liegen scheinen? Durch Anwendung der Theorie findet man, daß die Kurve eine Hyperbel mit der Gleichung \(c^2(x-a)^2=a^2(x^2+y^2)\) ist. Diese Hyperbel ist mit der früheren identisch; nur ist es offenbar der andre Ast derselben, der die Alleekurve darstellt. Das Resultat kann in den folgenden Satz zusammengefaßt werden: ``Eine gegebene, nach beiden Seiten ins Unendliche verlaufende Gerade wird von einem gegebenen Standpunkt aus als der eine Ast einer bestimmten Hyperbel gesehen; der andre Ast derselben Hyperbel hat dann die Eigenschaft, von demselben Standpunkt aus als die gegebene gerade Linie zu erscheinen.'' Die ferneren Untersuchungen des Verf. betreffen die scheinbaren Dimensionen des Himmelsgewölbes. Schwebt in der Hohe von \(h=2500 \,m\) eine so große Wolkenschicht, daß der ganze Himmel gleichmäßig bedeckt erscheint, so sind die scheinbaren Dimensionen nach der Theorie \(h'=2,0\, km\) und \(r'=\text{10,0\,}km\). Für die Beurteilung dieser Distanzen bei heiterem Tageshimmel fehlen alle Erfahrungselemente. Jedoch ist man geneigt, das Verhältnis der vertikalen Erhebung im Zenit zum Radius des Schnittkreises mit der Horizontalebene mit \(1:4\) oder \(1:3\) einzuschätzen.
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