Lehrsätze über arithmetische Eigenschaften der Irrationalzahlen. (Q1536670)
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scientific article; zbMATH DE number 2693489
| Language | Label | Description | Also known as |
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| English | Lehrsätze über arithmetische Eigenschaften der Irrationalzahlen. |
scientific article; zbMATH DE number 2693489 |
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Lehrsätze über arithmetische Eigenschaften der Irrationalzahlen. (English)
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1887
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Der Verfasser constatirt zunächst, dass eine gemeinsame arithmetische Eigenschaft der Irrationalzahlen vor ihm nicht bekannt gewesen sei, wodurch sich das Streben Mancher erklären lasse, den Irrationalzahlen eine selbstständige Existenz abzusprechen. Er giebt in dieser Arbeit thatsächlich eine solche Eigenschaft, ein merkwürdiges Periodicitätsgesetz, und zieht daraus die Folgerung, dass nicht nur die ganzen Zahlen, sondern auch die rationalen und irrationalen als Ergebnis ein und derselben Art von ``echter'' Abzählung angesehen werden können. Die Irrationalzahlen \((j)\) lassen sich, im Gegensatze zu den rationalen, am einfachsten indirect dadurch definiren, dass es kein ganzes vielfaches \(nj\) von \(j\) giebt, das selbst eine ganze Zahl wäre. Dagegen lässt sich immer aus \(nj\) die grösste ganze Zahl \([nj] = G(n)\) absondern und dadurch \(nj\) zerlegen in die beiden Teile: \[ nj = [nj] + (nj) = G(n) + (nj). \] Da es nur darauf ankommt, ob für irgend ein ganzzahliges \(n\) der Rest \((nj)\) verschwinden kann, so kann man sich auf Zahlen \(j\) zwischen 0 und 1 beschränken. Durch Combination der drei, den Factoren \(m\), \(n\), \(m + n\) entsprechenden Zerlegungen kommt sofort: \[ G(m + n) - G(m) - G(n) = (mj) + (nj) - \{(m + n)j\} = g_{m, n} , \] wo \(g_{m, n}\) nur gleich Null oder gleich Eins sein kann. Speciell für m = 1 wird: \[ G(n+1)-G(n) = g_{1, n} = g_n \] und nach Addition der succ. für \( n = 2, 3, \ldots n\) so entstehenden Gleichungen: \[ g_{m,n} = (g_m + g_{m+1} + \cdots + g_{m+n-1})-(g_1 + g_2 + \cdots +g_{n-1})= \begin{cases} 0\\1 \end{cases} . \] Das hierin liegende Gesetz ist die Grundlage der weiteren Entwickelungen. Aus der vorletzten Relation lässt sich bald die eigentliche Bedeutung der Alternative \(g_n = 0\) oder 1 entnehmen: Im ersteren Falle findet beim Uebergange von \((nj)\) zu \(\{(n +1)j\}\) eine Zunahme, im letzteren dagegen eine Abnahme statt und umgekehrt. Es ist übersichtlicher, statt der Zeichen 0, 1 die Symbole \(c\) (crescendo!) und \(d\) (decrescendo!) zu schreiben. Man lässt nun die Zahl \(n\), von Eins beginnend, beliebig wachsen, so ergiebt sich eine aus den Elementen \(c = 0, d = 1\) in bestimmter Aufeinanderfolge gebildete Reihe: \[ C = g_1g_2g_3 \dots , \] welche ``die Charakteristik von \(j\)'' heisst. Schon ein Beispiel, etwa \(j = \sqrt 2 -1,\) zeigt eine aufallende Periodicitätserscheinung der Charakteristik, es wird nämlich: \[ C=\overset {\text I} {(cd)}\,\{\overbrace{(cd)\,(ccd)}^{\text{II}}\}\;[\{\underbrace{\overbrace{(cd)\,(ccd)}^{\text{II}}\}\,\overset{\text I}{(cd)}\,\{\overbrace{(cd)\,(ccd)}^{\text{II}}}_{\text{III}}\}] \] \[ \underbrace{(\text{III\;II\;III})}_{\text{IV}}\;\underbrace{(\text{IV\;III\;IV})}_{\text{V}}\quad \text{etc.} \] Nun könnte man hier noch versucht sein, das Fortschreitungsgesetz der einzelnen Gruppen I, II, III, IV, V etc. auf Rechnung des einfachen Kettenbruchs zu setzen, in den sich \( \sqrt 2 - 1\) bekanntlich (mit dem constanten Nenner 2) entwickeln lässt. Die Charakteristik einer Zahl \(j\) ersetzt diese selbst, wie auch ihre ganze Restreihe (sogar in Bezug auf die numerische angenäherte Ausrechnung derselben) vollkommen. Wie schwierig indess eine derartige Rechnung selbst in den einfachsten Fällen bereits ausfällt, zeigt die Lösung der Aufgabe, eine Irrationalzahl \(j\) mit einer ganzen Zahl \(n\) zu multipliciren, i. e. aus der Charakteristik von \(j\) diejenige von \(nj\), oder, was auf dasselbe hinauskommt, des Restes \((nj)\) herzuleiten. Das oben betonte ``Grundgesetz'' jeder Charakteristik: \(g_{m, n}\) = 0 oder 1, lässt die Charakteristiken in zwei Arten trennen, eine, welche mit \(c\) beginnt, und in welcher niemals \(d\) auf \(d\), und eine zweite, welche mit \(d\) beginnt, und in welcher niemals \(c\) auf \(c\) folgen kann. Diese ``complementären'' Charakteristiken gehören einfach zu complementären Zahlen \(j\), d. h. solchen, deren Summe gleich Eins ist. Der Verfasser geht nunmehr zur Aufstellung des eigentlichen Bildungsgesetzes jeder Charakteristik über. Dasselbe stützt sich zuvörderst auf die, wiederum unmittelbar dem ``Grundgesetze'' zu entnehmende Doppel-Bemerkung, dass, wenn mit \(s-1\) die Anzahl der \(c\) bezeichnet wird, mit denen die Charakteristik \(C\) beginnt, \((C = c^{s-1} \ldots , \) wo \(s = 1, 2, \ldots \) sein kann,) einmal in \(C\) nirgendwo mehr als \(s\) Elemente \(c\) auf einander folgen können, sodann, dass auf jedes \(d\) mindestens \(s-1\) mal \(c\) folgt. Mit anderen Worten: \(C\) ist aus irgend einer (unbegrenzten) Folge von Gruppen \(c_1 = c^{s-1}d\) und \(d_1 = c^sd\) zusammengesetzt. Dabei ist übrigens \(s\) nichts anderes als der erste Nenner der Kettenbruchentwickelung von \(j\). Setzt man demgemäss \(j = \frac1{s+j_1}\) so lässt sich ein sehr einfacher Zusammenhang zwischen den Charakteristiken \(C\) von \(j\) und \(C_1\) von \(j_1\) ermitteln. Ersetzt man nämlich in \(C_1\) jedes Element \(c\) durch die Gruppe \(d_1\) und jedes Element \(d\) durch die Gruppe \(d_1\) und setzt dem Ganzen noch die Gruppe \(c_1\) einmal voran, so entsteht \(C\) selbst, oder in Zeichen: \[ C(c/d) = c_1 C_1 (c_1 /d_1). \] Durch wiederholte Anwendung dieses Processes resultirt das Bildungsgesetz von \(C:\) ``Ist, in einen Kettenbruch entwickelt, die Irrationalzahl \(j\) \[ j = (ss_1,s_2 s_3 \ldots) \] und bildet man der Reihe nach die Aggregate: \[ \begin{matrix}\l\quad & \l\quad & \l\quad & \l\\ c_1 = c^{s-1} d, & c_2 = c_1^{s_1-1} d_1, & c_3 = c_2^{s_2-1} d_2, & c_4 = c_3^{s_3-1} d_3 , \dots ,\\ d_1 = c^sd, & d_2 = c_1^{s_1} d_1 & d_3= c_2^{s_2} d_2, \dots ,\end{matrix} \] so hat man für die Charakteristik \(C\) von \(j\): \[ C = c_1 c_2 c_3 c_4 \dots\text{''.} \] Mit geringen Modificationen lässt sich das Gesetz auf die Rationalzahlen übertragen. Die Entwickelung der Charakteristik \(C\) von den Irrationalen \(j\) hängt dann aufs Engste zusammen mit derjenigen der Charakteristiken der successiven rationalen Näherungswerte des Kettenbruchs \(j\). Das Eigentümliche des Gesetzes besteht in einer Art periodischer Einschachtelung der einzelnen Gruppen \(c_1, d_1, c_2, d_2, \ldots\) Es mag dem Referenten gestattet sein, seiner eigenen Auffassung dieser unstreitig hervorragenden Arbeit mit einigen Worten Raum zu geben. Zunächst scheint ihm nicht deutlich zu sein, wie der Verfasser eine eigentlich ``arithmetische'' Eigenschaft der Irrationalzahlen definirt wissen wilL Wenn darunter eine positive, mit alleiniger Hülfe der ganzen Zahlen auszudrückende Eigenschaft verstanden sein soll, so ist doch wohl z. B. der bekannte Satz, demzufolge jede Irrationalzahl zwischen 0 und 1 auf eine einzige Art in einen unbegrenzten Kettenbruch mit positiv ganzzahligen Nennern entwickelt werden kann und umg., sicher als eine ``arithmetische'' Eigenschaft zu bezeichnen. In der That ist das Charakteristikengesetz des Verf. im Wesentlichen als eine Fortbildung des genannten Satzes anzusehen, die im besonderen das Verhältnis des Kettenbruchwertes zu den Werten seiner Näherungsbrüche in einer sehr prägnanten, neuen Art fixirt. Der Referent betrachtet daher die Sätze des Verfassers mehr als einen wesentlichen Beitrag zur Theorie der Kettenbrüche, wie denn auch Aufgaben der Art: die Summe oder das Product zweier Kettenbrüche wieder als Kettenbruch darzustellen, auf seiner Grundlage der Lösung näher gerückt sind. Auf alle Fälle wird in dem verwickelten Gebiete der Irrationalzahlen vor der Hand der subjectiven Auffassung noch ein ziemlicher Spielraum erlaubt sein.
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