Punktreihen-Geometrie. (Q2592243)
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scientific article; zbMATH DE number 2511610
| Language | Label | Description | Also known as |
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| English | Punktreihen-Geometrie. |
scientific article; zbMATH DE number 2511610 |
Statements
Punktreihen-Geometrie. (English)
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1939
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Ist in einem projektiven \(R_n (ux) =\sum\limits_0^n u_ix_i = 0\) die Inzidenzrelation zwischen Punkten \(x\) und \(R_{n-1} u\), bedeutet weiter \((\mu\tau) = \mu_1\tau_2-\mu_2\tau_1\), wobei \(\tau_1:\tau_2\) einen binären Parameter darstellt, so vertritt der symbolische Ausdruck \((um)\) \((\mu\tau)\) eine in den \(u\) und \(\tau\) lineare Form der Art \(\sum \pm m_{ik}u_i\tau_k\) (\(i = 0, 1, \ldots, n\); \(k=1, 2\)). Dabei sind die Koeffizienten \(m_{ik}\) den symbolischen Produkten \(m_i\cdot\mu_k\) gleichzusetzen. Eine Relation der Form \[ (um)(\mu\tau)=0 \tag{1} \] kann nun als eine ``bezifferte Gerade'' folgender Art gedeutet werden: zunächst entspricht einem festen binären Parameter \(\tau\) vermöge (1) eine lineare Relation zwischen den \(u\), also ein bestimmter Punkt des \(R_n\). Variiert dann der in (1) linear eingehende Parameter \(\tau\), so durchläuft der Punkt eine projektive Gerade. Insgesamt gibt also die Relation (1) Anlaß zu einer Punktreihe auf einer projektiven Geraden, deren jeder Punkt mit einem bestimmten Werte des binären Parameters \(\tau\) versehen oder ``beziffert'' ist, d. h. es entsteht eine ``bezifferte Gerade'' oder eine ``\textit{Punktreihe}''. Ihre Geometrie, Punktreihengeometrie genannt, ist der Gegenstand des systematischen Studiums des vorliegenden Werkes, das auf einer langen Reihe von Einzeluntersuchungen des Verf. aufbaut. Der damit gekennzeichnete interessante Zweig der projektiven und algebraischen Geometrie geht historisch zurück auf \textit{Th. Reyes} Untersuchungen ``Über lineare Mannigfaltigkeiten projektiver Ebenenbüschel und kollinearer Bündel oder Räume'' aus den Jahren 1889 bis 1891 (J. reine angew. Math. 104 (1889), 211-240; 106 (1890); 30-47, 315-329; 107 (1890), 162-178; 108 (1891), 89-124; F. d. M. 21, 628 (JFM 21.0628.*); 22, 633), die rein synthetisch gehalten sind. Analytische Studien zur Punktreihengeometrie stammen von \textit{W. Stahl} (J. reine angew. Math. 107 (1890), 179-188; F. d. M. 22, 622 (JFM 22.0622.*)) und \textit{E. Timerding} (Nachr. Ges. Wiss. Göttingen, math.-phys. Kl. 1898, 317-328; F. d. M. 29, 460 (JFM 29.0460.*)). Invariantentheoretische Behandlungsweisen hat erst die Breslauer Dissertation von \textit{H. Guradze} (1900) herangezogen. Ihre eigentliche Ausgestaltung und Vollendung aber fand die Punktreihengeometrie erst durch \textit{E. A. Weiss}, der sie in einer Reihe schon erwähnter Abhandlungen, vor allem aber in dem vorliegenden Werke zu einem systematischen Bau weitete und erhob, dessen eigentliches Tragwerk analytisch, nämlich symbolisch-invariantentheoretisch ist, dessen reichhaltiges Innere aber trotz seiner Vielgestalt in klarer Übersicht durch die beweglichen Mittel synthetischer Forschung ausgestaltet wird. Die richtige Ordnung und Übersicht wird dabei durch die Heranziehung mehrdimensionaler Räume erreicht. Man kann nämlich die Koeffizienten \(m_{ik}\) der Punktreihe (1) des projektiven \(R_1, R_2, R_3, \ldots\) als projektive Punktkoordinaten in einem \(R_3, R_5, R_7, \ldots\) deuten. Wenn dann (1) in das Produkt zweier Linearformen in \(u\) und \(\tau\) zerfällt, also die Form annimmt \[ (um)\cdot(\mu\tau)=0, \tag{2} \] heißt die Punktreihe singular. Sie besteht dann aus einem festen Punkt \(m\), der mit einem festen Parameter \(\mu\) versehen ist. Diesen singulären Punktreihen entsprechen dabei in den Räumen \(R_3\), \(R_5\), \(R_7\) ausgezeichnete Segresche Mannigfaltigkeiten \(M_2^2\), \(M_3^3\), \(M_4^4\), deren Geometrie so in engen und übersichtlichen Zusammenhang zu den projektiven Anschauungsräumen tritt. In den Rahmen der Punktreihengeometrie lassen sich, wie Verf. schon vielfach gezeigt hat, viele klassische Teile der projektiven und algebraischen Geometrie systematisch einordnen, z. B. die verschiedenen Arten der Geraden-Kugel-Transformation, und viele wertvolle geometrische Übertragungen, Verallgemeinerungen, Analogien treten erst in ihrem Gedankenkreise in aller Übersicht und Klarheit zutage. Aber auch vieles Neue, das von Reiz und Wert ist, steuert die Punktreihengeometrie von sich aus bei, z. B. eröffnet sie einen neuartigen Zugang zur gewöhnlichen Geraden-Kugeltransformation, der in gewissem Sinne komplementär zu F. Kleins klassischem Wege ist. Dabei werden vielfach geeignete \textit{Projektionen} der genannten Segreschen Mannigfaltigkeiten in niedrigere Räume herangezogen, wie denn überhaupt viele der schönsten geometrischen Ergebnisse des Buches ganz unter dem Leitsterne dieser Mannigfaltigkeiten stehen. Abgesehen vom 1. Kapitel über die Geometrie der Punktreihen (oder der Projektivitäten) der Geraden und ihre Deutung im \(R_3\) mit ausgezeichneter Quadrik, welches auch eine kurze Einführung in die symbolische Bezeichnungsweise der Invariantentheorie bringt, sind die übrigen drei Kapitel, die der Geometrie der Punktreihen 1) der Ebene, 2) des projektiven und 3) des nichteuklidischen Raumes sowie den trilinearen Verwandtschaften gewidmet sind, völlig analog gebaut. Jedes dieser Hauptkapitel beginnt mit der Entwicklung des formentheoretischen Apparates, auf den die Abbildung der Punktreihen auf höhere Räume mit ausgezeichneter Segrescher \(M_3^3\), \(M_4^4\), \(M_6^3\) folgt, und es schließt mit geometrischen Verwandtschaften und Transformationen, die durch Projektion dieser Segreschen Mannigfaltigkeiten in Ebene und Raum entstehen. Ist so zu Anfang der Kapitel die Methode analytisch, so wird der geometrische Inhalt weiter synthetisch erarbeitet, wobei als Leitsatz dient, daß ``ein Zusammenhang erst dann als klar erfaßt gilt, wenn er (meist durch Abbildung auf einen mehrdimensionalen Raum) in einem höheren Sinne anschaulich wird.'' Gehen wir nach dieser allgemeinen Übersicht nun auch auf einige der in Überfülle gebotenen geometrischen Einzelheiten ein. Schon das einleitende Kapitel über die Punktreihen der Geraden und ihre Abbildung auf den \(R_3\) bringt einige grundlegende Begriffe wie konjugierte Lage und lineare Mannigfaltigkeiten von Punktreihen, die ausgezeichnete Mannigfaltigkeit \(M_2^2\) des Bildraumes und ihre projektiven Automorphieen. Ihren Verallgemeinerungen kommt in den späteren Abschnitten grundlegende Bedeutung zu. Im übrigen fällt die Punktreihengeometrie einer einzelnen Geraden mit der wohlbekannten Geometrie ihrer Projektivitäten zusammen. Kapitel 2 bringt zunächst die Elemente der Geometrie der linearen und quadratischen Punkt- und Geradenreihen der Ebene und mit einfachen Herleitungen die Übertra\-gungs\-prinzipien von Clebsch und Hesse, die durch viele interessante Beispiele erläutert werden. Es folgt das Studium der Abbildung der Punktreihen der Ebene auf Punkte des \(R_5\), wobei die Bilder der singulären Punktreihen eine Segresche \(M_3^3\) ausmachen. Hier ergibt sich Gelegenheit, die Theorie der Segreschen Mannigfaltigkeiten allgemeiner zu entwickeln. Die Geradenreihen übertragen sich dabei auf lineare \(R_4\), die \(M_3^3\) nach normalen Regelflächen dritter Ordnung schneiden. Den Ebenen des \(R_5\) entsprechen die Bündel von Punkt- und Geradenreihen, welche sich in einfacher Weise durch die Figur eines ``bezifferten Triangels'' beschreiben lassen, worunter der Inbegriff von drei singulären Punktreihen verstanden wird. Es folgt nun eine Reihe sehr interessanter und für die Art der Punktreihengeometrie bezeichnender Anwendungen. Zunächst eine elegante Herleitung des Ponceletschen Schließungssatzes und die Figur apolarer Kegelschnitte, sodann die punktreihengeometrische Behandlung der Raumkurve dritter Ordnung, ein Übertragungsprinzip von \textit{Berzolari} (Rend. Circ. Mat. Palermo 5 (1891), 9-50; F. d. M. 23, 132 (JFM 23.0132.*)) und die Tripel apolarer Kegelschnitte. Endlich noch die Figur von Desargues. Aus der Betrachtung der involutorischen Automorphieen von \(M_3^3\) ergibt sich eine einfache, vom Verf. entdeckte Erzeugungsweise des Nullsystems im \(R_5\), Analogon einer bekannten Chaslesschen Erzeugung des linearen Komplexes des \(R_3\). Die Zusammensetzung der Polarität eines Kegelschnitts und der Involution im binären Parameterbereich führt im \(R_1\) auf die Polarität einer \(M^2_4\) mit spezieller Lage gegen \(M_3^3\) und damit zum Anschluß an die Kleinsche Auffassung der Liniengeometrie des \(R_3\). Eine \(M^2_4\) von allgemeiner Lage gegen \(M_3^3\) jedoch führt auf die Kongruenz von Rocella und ihr Punktreihenbild. Als eine der bedeutendsten und ausführlichsten Anwendungen der Punktreihengeometrie werden die erst wieder in jüngster Zeit von verschiedenen Autoren studierten Lieschen Abbildungen der Linienelemente der Ebene auf den Punktraum behandelt. Sie werden durch Projektion von \(M_3^3\) in einheitlicher Weise hergeleitet. Kapitel 3, den Punktreihen im Raume gewidmet, zeigt schon in der formentheoretischen Grundlegung eine vielfache Durchsetzung mit den mannigfachsten geometrischen Anwendungen: auf Möbiussche Tetraeder, v. Staudts Tetraedersatz, das räumliche Über\-tra\-gungs\-prinzip von Clebsch eine Untersuchung der Fläche zweiter Ordnung als doppeltbinäres Gebiet und ein räumliches Gegenstück zu Hesses Übertragungsprinzip. Es folgt wieder die Abbildung der Punktreihen des Raumes auf den \(R_7\) mit ausgezeichneter \(M_4^4\), wobei die Büschel, Bündel und das Gebüsch von Punkt- und Ebenenreihen auf die Figuren der Segreschen \(R_2 -M_3^4\) führen (d. i. einer rationalen Mannigfaltigkeit vierter Ordnung eines \(R_6\), die von \(\infty^3\) Ebenen gebildet wird), ferner auf die Regelflächen vierter Ordnung, die ein \(R_5\) aus \(M_4^4\) schneidet, die rationalen Normkurven vierter Ordnung und endlich die ``bezifferten Tetraeder'', mit denen ein durch die Punktreihen des Gebüsches bestimmter tetraedraler Komplex verbunden ist. Die Projektion der Segreschen \(M_4^4\) wird zur Untersuchung der Punktreihengebüsche in tetraedralen und in linearen Komplexen und Kongruenzen herangezogen. Es folgen einige bedeutsame Anwendungen der Punktreihengeometrie auf Schließungssätze, wie der Satz über hyperbolische Tetraeder und jener von den Simplexen in Schläflischer Lage im verallgemeinerten Sinne \textit{Brusotti}s (Rend. Circ. Mat. Palermo, 20 (1905), 248-255; F. d. M. 36, 721 (JFM 36.0721.*)). Nun werden wieder die involutorischen projektiven Automorphieen von \(M_4^4\) untersucht, deren es vier Arten, zwei Polar- und zwei Nullsysteme gibt. Ausführlicher behandelt wird das Bild der Polarität einer Fläche zweiter Ordnung des \(R_3\) der Punktreihen und das eines Nullsystems. Dieses letzte führt durch die Punktreihen des damit verbundenen linearen Komplexes im \(R_7\) zum Studium der Geometrie der \(M_6^2\), für welche sich durch die Verknüpfung mit der Punktreihengeometrie ein neuer Zugang zum \textit{Trialitätsprinzip} von Study und É. Cartan ergibt. Eingehend werden die involutorischen Trialitäten und die Engeische Ebenengeometrie auf einer \(M_5^2\) untersucht, die durch die Möglichkeit ihrer Abbildung auf die Punkte einer \(M_6^2\) des \(R_7\) sich als ein Analogon der Liniengeometrie des \(R_3\) erweist, die sich ja ihrerseits auf die Kleinsche \(M_4^2\) des \(R_5\) übertragen läßt. Von besonderem Interesse ist dabei die Figur des linearen Engeischen Ebenenkomplexes, für den zwei Erzeugungsweisen angegeben werden, Analoga der entsprechenden Konstruktionen von Sylvester und Chasles für den linearen Linienkomplex. Die automorphen Kollineationen des Engeischen Komplexes bilden eine der bekannten einfachen kontinuierlichen Gruppen, nämlich eine \(G_{14}\). Das Kapitel, zweifellos ein Kernstück des Buches, schließt mit einer prinzipiell neuen Herleitung der euklidischen Geraden-Kugel-Transformation, insbesondere ihres Grenzfalles, der Eulerschen Transformation, mit den Mitteln der Punktreihengeometrie. Das Kapitel 4 ist den trilinearen Verwandtschaften und der Geometrie der Punktreihen im nichteuklidischen Raume gewidmet. Die trilinearen Verwandtschaften von drei Geraden sind ja eine natürliche Verallgemeinerung der projektiven, d. i. bilinearen Beziehungen von zwei Geraden. Sie sind seit G. Hauck für die darstellende Geometrie von Bedeutung geworden. Nach formentheoretischer Grundlegung werden eingehend die trilinearen Verwandtschaften von drei Geraden der Ebene, des \(R_3\), \(R_4\) und \(R_5\) und ihre Beziehungen zu den ebenen Kurven dritter Ordnung, zu den Segreschen Quintupeln assoziierter Geraden des \(R_4\) und den von \textit{Perazzo} untersuchten Mannigfaltigkeiten (Atti Accad. Sci. Torino 36 (1901), 891-916; F. d. M. 32, 651 (JFM 32.0651.*)) behandelt. Es folgt die Abbildung der trilinearen Verwandtschaften auf den \(R_7\) mit ausgezeichneter Segrescher \(M_3^6\). Ein \(R_6\) bestimmt auf ihr eine \(M_2^6\), die durch Projektion auf die Flächen dritter Ordnung und ihre Erzeugung nach F. August sowie durch ihre Clebsch-Abbildung auf die Ebene führt. Die Beziehungen der Punktreihengeometrie zur nichteuklidischen Raumgeometrie und eine daraus folgende neue Konstruktion der nichteuklidischen Geraden-Kugel-Transformation beschließen das ebenso reiche wie in seiner Art durchaus eigenständige Werk.
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