Introduction to differential and integral caluclus.
Der Verfasser findet, dass die Principien der Differential- und Integralrechnung, mit wenigen Ausnahmen in den Lehrbüchern nicht mit der gegenwärtig erreichbaren Strenge entwickelt sind. Er lässt zu und rechtfertigt es, dass Vorlesungen für Anfänger nicht auf alle, im Grunde notwendigen Fragen eingehen, weil doch der Erfolg zweifelhaft sei; doch nur in sofern ein späterer Cursus die Strenge nachholen könne. Grade in Rücksicht auf diesen Fall sei aber ein Buch nützlich, welches sich mit Beschränkung auf die principiellen Lehren die Strenge mit grösster Ausführlichkeit zur Hauptaufgabe macht. Unter diesem Gesichtspunkt ist das vorliegende Buch bearbeitet. Des Verfassers erste Sorge ist, den Begriff der Irrationalzahl klar zu machen. Es wird der Begriff einer ``Zahlenstrecke mit Beschränkung der Zahl auf positive ganze und Quotienten solcher als eine Gruppe von Zahlen von folgenden drei Eigenschaften definirt: Die Gruppe umfasst nicht alle Zahlen; wenn die Zahl \(x\) zur Gruppe gehört, so gehören zu ihr auch alle kleineren Zahlen; es giebt keine grösste Zahl in der Gruppe. Dieser Begriff vermag den der rationalen und irrationalen Zahl vollkommen zu ersetzen. Da der Name nach seiner Substitution frei wird, kann man statt Zahlenstrecke Zahl sagen. Der Erklärung gehen Sätze über Potenzen voraus, welche für die Theorie der irrationalen Potenzwurzeln gebraucht werden. Es folgt ihr der Nachweis, dass der neue Zahlbegriff für die algebraischen Operationen tauglich ist. Ueber das Vorstehende können wir ohne Kritik nicht hinweggehen. Die im Vorwort ausgesprochenen Motive und allgemeinen Grundsätze bezüglich der Strenge lassen die Unterscheidung zwischen Bündigkeit und Ausführlichkeit sehr vermissen. Letztere ist es, welche sich nachholen lässt, nicht erstere. Der Verfasser macht die unbegründete Voraussetzung, dass Strenge und Einfachheit unvereinbar seien. Ihm ist also auch die Erfahrung fremd, dass die allseitige Strenge den Weg zur einfachsten Methode eröffnet. Um das Ziel zu erreichen, darf man sich nicht mit der ersten bündigen Feststellung begnügen, wie es hier geschieht. Gehen wir auf die Ausführung ein, so ist der Begriff der Zahlenstrecke, als deren Autor Dedekind genannt wird, nebst seiner Anwendung und seiner Substitution für den Zahlenbegriff mit grosser Sorgfalt und Umsicht dargelegt. Was aber den vermeintlichen Erfolg betrifft, so sind ganz wesentliche Einwände dagegen zu erheben. Die Substitution des Begriffs der Zahlenstrecke für den Zahlbegriff entzieht ersterem den Boden. Denn bei ihrer durchgehenden Anwendung ist die Zahlenstrecke eine Gruppe von Zahlenstrecken, die Erklärung also ein Cirkel. Es leuchtet hiernach und zwar nicht erst hiernach, ein, dass wir den gewöhnlichen Zahlenbegriff nicht entbehren können; und dann ist es nicht gestattet, den Namen Zahl für die Zahlstrecke zu gebrauchen. Es ist eine Täuschung, wenn der Verfasser meint, einen umfassenderen Zahlbegriff gewonnen zu haben, da derselbe ohne Recurs an den ursprünglichen nie gedacht werden kann. Ist jedoch das Ziel auch nicht erreicht, so ist der Weg, auf dem der Begriff der Irrationalzahl gesucht wird, darum nicht zu verwerfen, auch ist der Fehler, welcher am Mislingen schuld war, leicht genug zu enthüllen. Beruht in der Tat, was zugestanden sein mag, der Begriff der Irrationalzahl auf der Zahlenstrecke, so folgt daraus nicht, dass beide identificirt werden müssen. Dieses voreilige Zuwerkegehen, welches die Wurzel des Begriffs unmittelbar zum Begriff selbst stempelt (z. B. die Sinnesempfindungen dem Körper begrifflich gleich setzt), hat schon oft in Sackgassen geführt. Da in der Tat die Irrationalzahl der Grenzwert der Zahlenstrecke ist, so ist der bei Identificirung begangene Fehler genau derselbe, wie überhaupt bei Identificirung von Function und Grenzwert, derselbe also auch, welcher alle vermeintlichen Schwierigkeiten im Begriff der unendlichen Grössen verursacht hat. Statuirt man zwei Begriffe, Zahlenstrecke und Zahl, die ungleich sind, deren erstere aber die Grösse der letzteren bestimmt, so sind der logische Mangel und die übrigen Inconvenienzen sofort beseitigt. Im Anschluss an obige Theorie erklärt der Verfasser 0 und \(\infty\) für ``Zahlen, deutet also damit an, dass sie in der Definition als Zahlenstrecken mit enthalten seien. Dies ist jedoch unrichtig; denn \(\infty\) erfüllt die erste der drei Bedingungen nicht und auf 0 lässt sich die Definition nicht anwenden, weil es keine kleineren Positiven giebt. Der Verfasser will zwar auf das Nähere nicht eingehen; da jedoch die Zeichen 0 und \(\infty\) nachher ohne Erklärung häufig vorkommen, so war es nötig, die erweckte Meinung, als sei der Begriff für das absolute Unendliche gefunden, zu widerlegen. Die erschöpfende Gründlichkeit und Consequenz, mit welcher der Anfang bearbeitet war, ist jedoch auch mit diesem Anfang zu Ende. Was folgt, charakterisirt sich durch folgende Eigentümlichkeiten. Mit dem vorher erklärten neuen Zahlbegriff steht es in keiner sichtlichen Verbindung. Die ferneren Erklärungen gehen nicht direct auf ihr Ziel aus; sondern beginnen mit Beispielen, ohne hernach den allgemeinen Begriff davon sichtlich zu unterscheiden und zu kennzeichnen. In die Erklärungen von Grenzwert und Differentialquotient wird gleich von Anfang die Bemerkung eingemischt, dass es sich bei praktischer Verwendung immer nur um begrenzte Genauigkeit handeln kann. Die exacte Geltung dieser Begriffe so abzuleugnen, konnte der Verfasser in methodischen Schwierigkeiten keinen Grund finden; denn, was den exacten Begriff ausmacht, kommt reichlich an anderen Stellen vor; nur fehlt dann immer der Name Grenzwert. Ebenso wird, so oft unendlich kleine Grössen vorkommen, der Name immer durch umständliche Umschreibung umgangen. Eine Klärung der Begriffe, wenn sie überhaupt beabsichtigt war, ist durch ein solches Verfahren nicht zuwege gebracht. Die Gegenstände sind die gewöhnlichen; wenn ein brauchbarer methodischer Gedanke in der Behandlung enthalten sein sollte, so ist er in einem so unfertigen Werke schwer heraus zu finden. zusätzlicher Kommentar im Jahrbuch (Band XIV, Berichtigungen): Gegen unser sonstiges Princip ist es leider vorgekommen, dass in dem Referat über das Lehrbuch des Herrn Pasch die Grenzen einer rein sachlichen Besprechung überschritten worden sind. Wir heben bei dieser Gelegenheit noch einmal hervorm dass die Verantwortung hierfür allein dem Herrn Referenten anheimfällt.
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