Die realistische Weltansicht und die Lehre vom Raume. (Q1473740)

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scientific article; zbMATH DE number 2617087
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    Die realistische Weltansicht und die Lehre vom Raume.
    scientific article; zbMATH DE number 2617087

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      Die realistische Weltansicht und die Lehre vom Raume. (English)
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      1914
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      Die Frage nach der Natur unseres Raumes hat durch die Untersuchungen von \textit{Gauß}, \textit{Riemann} und \textit{Helmholtz} eine Beantwortung erfahren, gegen die von philosophischer Seite mancherlei Einwände erhoben werden, welche vielfach auf Mißverständnissen und unklarer Auffassung beruhen. Der Verf. will diese aufklären und vor allem ``das Gewicht der Mathematik in diesem Widerstreit der Geister zur vollen Geltung bringen''. Zu diesem Behufe entwickelt er zunächst das realistische Weltbild: Der Raum hat eine vom erkennenden Subjekt unabhängige Struktur. Wir gelangen zu seinem Begriff durch Abstraktion, wir können ihn uns zwar nicht vorstellen, halten ihn aber für ebenso real wie die Körper und Naturvorgänge selbst. Die realistische Weltanschauung ist zwar eine Hypothese, aber eine solche, die jeder einzelne, wenigstens in seinem praktischen Verhalten, annimmt; sie erkennt eine grundsätzliche Verschiedenheit zwischen wissenschaftlichem Denken und dem gemeinen Leben nicht an. Dinge wie Hypothesen sind für sie unvermeidliche Brücken zwischen den Erscheinungen. Auf allen Gebieten des Geisteslebens, die es nicht nur mit Gedanken und Gefühlen, sondern mit der Erscheinungswelt zu tun haben, wird die realistische Denkweise wie etwas Selbstverständliches von allen erwartet und anerkannt. Diese seine Grundanschauung vertritt nun der Verf. gegenüber den herrschenden philosophischen Systemen, dem Idealismus, Positivismus und Pragmatismus, deren Schwächen mit allen Hilfsmitteln seines glänzenden Stils aufzudecken er sich bemüht. Erst im dritten Kapitel geht er zu seinem eigentlichen Thema über, einer Teilhypothese der groß\ en Hypothese des Realismus: der Existenz des empirischen Raumes. Er geht von der Annahme aus, das es ein System abstrakter Begriffe und Lehrsätze gibt, deren Gegenständen physische Realität innewohnt, von der Art, daß\ die Eigenschaften unseres Raumes gerade in einem solchen System zum Ausdruck kommen. Dieses Gedankenbild des empirischen Raumes nennt er natürliche Geometrie. Hypothesenbildung und Erfahrung leisten zur Bildung eines solchen Systems dasselbe wie bei andern Problemen der Naturwissenschaft. Wie man zu einem solchen System kommen kann, dafür gibt der Verf. die Ansätze. Jedenfalls zeigt das Erfahrungsmaterial, daß\ nur die euklidische und die nicht- euklidischen Geometrien ernsthaft in Frage kommen während eine endgültige Entscheidung zwischen diesen Möglichkeiten bislang noch nicht möglich ist. Indessen genügt allen bisherigen Tatsachen gegenüber das euklidische System. Der Axiomatik, deren Betrachtung der Schluß\ des Werkes gewidmet ist, kann Verf. keine erkenntnistheoretische Bedeutung beilegen. Gerade seine Entwicklungen sollen zeigen, daß\ ein notwendiger Zusammenhang zwischen Raumproblem und Axiomatik nicht besteht. Letztere ist nicht, was sie sein will, eine logische Analyse unserer räumlichen Anschauung (\textit{Hilbert}); in Wirklichkeit wird keine Raumanschauung, sondern ein fertig vorgefundenes System abstrakter Lehrsätze analysiert. Eine von der Analysis wirklich unabhängige Geometrie gibt es nicht; vielmehr werden aus gewissen, zunächst versuchsweise hingestellten Annahmen die Folgerungen soweit entwickelt, bis man erkennt, daß\ das System mit einer aus der Analysis schon bekannten begrifflichen Struktur zusammenfällt. Statt dessen hält es der Verf. für zweckmäßiger, gleich von vornherein die Analysis, die man doch nicht entbehren kann, in die Grundlagen aufzunehmen. Das ebenso temperamentvoll und witzig wie inhaltsreiche Buch des geistvollen Verf. wird jedem Mathematiker genußreiche Stunden und mancherlei Belehrung bieten.
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