Zenon und die Grundlagenkrise der griechischen Mathematik. (Q2585656)

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scientific article; zbMATH DE number 2505331
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    Zenon und die Grundlagenkrise der griechischen Mathematik.
    scientific article; zbMATH DE number 2505331

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      Zenon und die Grundlagenkrise der griechischen Mathematik. (English)
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      1940
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      Die Geschichte der voreuklidischen griechischen Mathematik ist von zwei großen Zäsuren beherrscht. Die erste Zäsur fällt zusammen mit der Entdeckung des Irrationalen und der durch sie erzeugten Grundlagenkrisis der pythagoreischen Mathematik, für die wir wissen, daß sie als eine \textit{Arithmetica universalis} gedacht gewesen ist. Die zweite Zäsur ergibt sich aus der bewunderungswürdigen Korrektur dieser Mathematik durch die Eudoxische Größenlehre. Was dazwischen liegt, ist zwar etwas mehr als ein Vakuum; es ist aber so indefinit, daß die Diskussion der diskutierbaren Möglichkeiten immer wieder einmal entfesselt werden wird. Die vorliegende Studie ist ein ungemein temperamentvoller Beitrag zu dieser Diskussion. Sie zerfällt in einen polemischen und einen aufbauenden Teil. Der umfangreichere polemische Teil wendet sich mit großer Lebhaftigkeit und einem durch Beiträge von \textit{H. Gadamer} vermehrten höchst respektablen philologischen Rüstzeug in Anknüpfung an ein mir nicht zugängliches Buch des italienischen Hegelianers und Philosophiehistorikers \textit{Calogero} gegen die von \textit{H. Hasse} und mir in einem Büchlein über die Grundlagenkrisis der griechischen Mathematik (Berlin 1928; F.~d.~M. 54, 13) im Anschluß an eine Hypothese von P. Tannery vorgetragene Konstruktion der Stufen, in denen sich die Überwindung der Grundlagenkrisis der pythagoreischen Mathematik vollzogen haben soll. Aus den unbestreitbaren Spuren einer Cavalierischen Infinitesimalmathematik (Antiphon, Demokrit) haben wir auf einen ersten Rettungsversuch durch die Einführung von Indivisibilien geschlossen. Dieser Rettungsversuch ist zertrümmert worden. Durch wen? Wir haben mit neuen Argumenten zu zeigen versucht, daß die berühmten Zenonischen Paradoxien gegen die Indivisibilien gerichtet gewesen sind. Dann erst ist Eudoxos gekommen, nachdem die Zenonische Kritik ihre scharfsinnige Vorarbeit geleistet hatte. Hiergegen wendet sich Verf. mit dem Temperament eines Forschers, der ein Gespenst zum Verschwinden bringen will. Da ich die Hauptlast der Verantwortung für dieses Gespenst zu tragen habe, so werde ich hierzu Folgendes sagen dürfen: (1) Es scheint mir noch jetzt, daß wir uns 1928 für eine Interpretation des \textit{Zenon} eingesetzt haben, die von der Erzeugung eines Gespenstes wesentlich verschieden ist. (2) Es scheint mir zugleich, daß für die Diskussion m jedem Falle etwas Wesentliches geleistet worden ist durch die ganz andere Beleuchtung der Zenonischen Fragmente durch den Verf. Die positive Hauptthese des Verf. ist enthalten in folgendem Satz: ``Die Grundlagenkrisis der griechischen Mathematik war ... keine philosophische, sondern eine innermathematische Angelegenheit, und sie hat von der Entdeckung des Irrationalen ihren Ausgang genommen'' (155). Vortrefflich! Genau dies ist schon 1928 unsere Meinung gewesen; und es scheint mir noch jetzt, daß wir unsere Meinung so ausgedrückt haben, daß ich wirklich nicht verstehe, wie Verf. auf den Gedanken hat kommen können, daß wir den Zenon für diese Grundlagenkrisis verantwortlich gemacht haben. \textit{Dieser} Zenon -- so scheint es mir -- ist ein Gespenst, für das wir in keinem Falle verantwortlich sind. Man vgl. den Gedankengang unserer Arbeit: {\S} 1. Die \textit{Arithmetica universalis} der Pythagoreer. {\S} 2. Die Entdeckung des Irrationalen. {\S} 3. Die Verwendung des Infinitesimalen. {\S} 4. Die Kritik des Zenon. {\S} 5. Der Neubau durch Eudoxos. -- Erst durch eine briefliche Mitteilung von Herrn \textit{v. d. W.} vom 14. 9. 1941 ist das für mich zum Vorschein gekommen, was Verf. für den wesentlichen Differenzpunkt hält. Für ihn ist die Grundlagenkrisis der griechischen Mathematik eine rein innermathematische Angelegenheit. Aus {\S} 1 unserer Darstellung hat er herausgelesen, daß wir ihr einen philosophischen Ursprung haben zuschreiben wollen. Er hat unsere Pythagoreer zu den Philosophen gerechnet. Wir haben sie als Mathematiker aufgefaßt; und ich sehe auch jetzt noch nicht, wie wir uns hätten ausdrücken sollen, um hieran keinen Zweifel zu lassen. Die Differenzen ziehen sich also zusammen auf die folgenden beiden Hauptpunkte: (1) Beginn der Grundlagenkrisis nach \textit{H.-S.} Anfang des fünften, nach \textit{v. d. W.} Anfang des vierten Jahrhunderts, (2) Ablehnung der von \textit{H.-S.} auf Grund von (1) eingeschalteten mehr als 80jährigen Krisenzeit von Zenon bis Eudoxos durch \textit{v. d. W.} Diese Differenzpunkte halte auch ich mit Herrn \textit{v. d. W.} für wesentlich; aber der Hauptpunkt scheint mir auch jetzt noch der innermathematische Charakter der Krisis und die Großartigkeit ihrer Überwindung durch \textit{Eudoxos} zu sein. Ich halte die volle Übereinstimmung in diesem Hauptpunkt für ein sehr erfreuliches, wesentliches Resultat; und ich freue mich insbesondere darüber, daß Herr \textit{v. d. W.} mir hat sagen können, daß er in der berechtigt scharfen Bemerkung über das gänzlich unangebrachte pathologische Interesse an einem ``kriselnden Kranken'' (161) überhaupt nicht an \textit{H.-S.} gedacht hat.
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