Die Sphärik von Menelaos aus Alexandrien in der Verbesserung von Abū Naṣr Manṣūr b. `Alī b. `Irāq. Mit Untersuchungen zur Geschichte des Textes bei den islamischen Mathematikern. (Q2601546)

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scientific article; zbMATH DE number 2519694
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    Die Sphärik von Menelaos aus Alexandrien in der Verbesserung von Abū Naṣr Manṣūr b. `Alī b. `Irāq. Mit Untersuchungen zur Geschichte des Textes bei den islamischen Mathematikern.
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      Die Sphärik von Menelaos aus Alexandrien in der Verbesserung von Abū Naṣr Manṣūr b. `Alī b. `Irāq. Mit Untersuchungen zur Geschichte des Textes bei den islamischen Mathematikern. (English)
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      1936
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      Der Fürst \textit{Abū Naṣr} (um 1000), ein schöpferischer Mathematiker, den sein Schüler und Landsmann \textit{al-Bīrūnī} als den wahren Entdecker des sphärischen Sinussatzes rühmt, ist ein Sproß aus dem alten Geschlecht der Herrscher von Ḫwārizm. Die arabische Eroberung dieses sehr alten arischen Staates am fruchtbaren Unterlauf des Āmū-Daryā zerstörte nach \textit{al-Bīrūnī} grausam die Kultur des Volkes, aus dem auch der Verfasser der ersten arabisch geschriebenen Algebra hervorging. Noch \textit{al-Bīrūnī} sprach das Ḫwārizmische, eine arische Sprache, als Muttersprache. Die letzte Ausgabe der uns griechisch nicht erhaltenen Sphärik des \textit{Menelaos} war bisher die 1758 in Oxford gedruckte Ausgabe von \textit{Halley}, der hauptsächlich eine hebräische Übersetzung zugrunde legte. \textit{Björnbo}s vorzügliche mathematik- und textgeschichtliche Analyse des Inhalts (\textit{A. A. Björnbo}, Studien über Menelaos' Sphärik, Leipzig 1902; F.~d.~M. 33, 62) machte den Wunsch nach einer Untersuchung der arabischen Ausgaben fühlbar, auf die die lateinischen und hebräischen Handschriften zurückgehen. Hier haben wir nun eine nach modernen philologischen Grundsätzen hergestellte kritische Ausgabe, wie sie leider erst für sehr wenige arabische mathematische und astronomische Texte unternommen wurde. Der Verf. hat nicht nur diejenige arabische Ausgabe in Text und Übersetzung zugänglich gemacht, die nach seiner Erklärung der besten (bisher nicht aufgefundenen) arabischen Übersetzung am nächsten steht, sondern hat auch in verdienstvoller, umfangreicher Arbeit neben der lateinischen des \textit{Gerhard von Cremona} besonders andere \textit{arabische} Ausgaben und die \textit{hebräische} verglichen und eine große Zahl von Textabweichungen in Übersetzung und zum Teil auch in der Textsprache mitgeteilt. Auch hat er über die Verfasser dieser Ausgaben zuverlässige und zum Teil neue Nachrichten gesammelt und in Ausführungen zur Textgeschichte die Abhängigkeitsverhäitnisse der Ausgaben untersucht. Wenn der Verf. selbst seine Arbeit als ``rein philologischer Natur'' bezeichnet, so ist dazu zu sagen, daß er ohne ein für einen Sprachgelehrten ungewöhnliches Verständnis des mathematischen Inhalts seinen Text weder zu lesen noch zu übersetzen sich hätte zutrauen können. Es liegt aber im Sinne des Verf., der ``alles für die Mathematikgeschichte wichtige Material zusammenstellen'' wollte, wenn nun die eigentlichen Mathematiker auch die Textgeschichte durch sachliche Inhaltsbeurteilung ergänzen. Diese inhaltliche Beurteilung wird u. a. dazu beitragen müssen, den ursprünglichen \textit{Menelaos}text von den etwaigen griechischen und vor allem von den arabischen Hinzufügungen zu scheiden. Im dritten Buch, das Ref. einer eingehenderen Durchsicht unterzogen hat, heben sich als arabischen Ursprungs zunächst einmal alle die Stellen heraus, in welchen zu den alten Beweisen der Lehrsätze neue Beweise mit Hilfe des ``Ersatztheorems'', d. i. des sphärischen Sinussatzes, treten. Dieses Theorem erspart Lehrsätze (\textit{74}, 3: ``Hierfür braucht man wie für das Vorhergehende im Beweis keinen besonderen Lehrsatz, wenn man die Kenntnis des Ersatztheorems schon hat''). Immer wieder kann man auf dasselbe zurückgreifen. ``Denn es ist wie ein Ort der Rückkehr'' (\textit{73}, 18; so nannten die Muslime auch das Paradies). Man spürt die Freude des Schöpfers, und dieser wird \textit{Abū Naṣr} selbst sein. -- Als ein Prüfstein der Geister hat sich der Satz III, 5 erwiesen, der bekanntlich noch \textit{Regiomontan} zu schaffen machte. Die von \textit{Menelaos} unbewiesen benutzte Invarianz des zusammengesetzten Verhältnisses (Doppelverhältnisses) perspektiver Punktwürfe beweist \textit{Abū Naṣr} durch die höchst moderne, mit Hilfe des Sinussatzes vollzogene Zurückführung auf das Doppelverhältnis der Sinusse der Winkel am Scheitel des Büschels. Wie im Sinussatz liegen hier Keime zu den Prinzipien der Dualität und der Reziprozität. Hier steht \textit{Abū Naṣr} auf einsamer Höhe. \textit{Ṭūsī}, der 2\({}^1/{}_2\) Jahrhunderte später rühmt, \textit{Abū Naṣr} habe ihm über die Schwierigkeit von III, 5 ein Licht aufgesetzt (S. 66), fällt, soweit man das nach den dargebotenen Auszügen beurteilen kann, in den Fehler des \textit{Harawī} zurück: Er erklärt die \textit{einfachen} Verhältnisse für invariant. -- Einen Komplex von Hinzufügungen haben die Stellen (\textit{84}, 2-3; \textit{86}, 21) ausgelöst, an denen \textit{Menelaos} für den Beweis gewisser trigonometrischer Ungleichungen auf ein eigenes Werk verweist, dessen Titel der Verf. unter Betonung der Unsicherheit mit \textit{Steinschneider} durch ``Buch der \textit{bogenartigen Figuren}'' übersetzt. Diese Übersetzung hält Ref. für unzutreffend, die Übersetzung ``\textit{der regelmäßigen Figuren}'' aber für irreführend, da regelmäßige Vielecke im modernen Sinne des Wortes nicht gemeint sein können. Ref. möchte annehmen, daß ein griechisches κανονικά θεωρήματα zugrunde liegt, und das wären Lehrsätze, die zu astronomischen Tafeln (κανόνες) gehören. Hierzu paßt sowohl der Inhalt dieser Sätze wie auch die Hinzufügung (\textit{84}, 3): ``nämlich von der Astronomie''. Wenn der arabische Übersetzer κανονικός durch \textit{qiyāsī} wiedergab, hat er vielleicht die oben genannte spezielle Bedeutung des Wortes, die bei \textit{Vettius Valens} belegt ist, nicht erkannt und an die allgemeine Bedeutung \textit{kanonisch = auf eine Regel bezüglich} gedacht. Anziehend sind nun die eigenen Beweise, die der Bearbeiter, wohl wieder \textit{Abū Naṣr} selbst, an Stelle der auch ihm nicht mehr vorliegenden Beweise des Werks über die kanonischen Lehrsätze bringt, darunter die Zurückführung der Sätze III, 15 und III, 17 auf III, 14 durch eine originelle Art der Abbildung der neuen Figur auf die alte (\textit{88}, 14ff. und \textit{93},3ff.). Die deutsche Übersetzung ist meist sehr wörtlich. ``\(a:b\) verbunden mit der Wiederholung'' (\textit{72}, 4) oder ``\(a:b\) verdoppelt durch die Wiederholung'' (\textit{76}, 1) bedeutet \((a:b)^2\). Dagegen sagt Verf. statt ``\(a:b\) in der Kraft'' (\textit{74}, 8) sinngemäß: ``\(a:b\) im Quadrat''. Zu begrüßen ist, daß er stellenweise die zugrunde liegenden griechischen Worte ermittelt hat. Ein sowohl in griechischen wie in arabischen mathematischen Texten sachlich und sprachlich bewanderter Forscher müßte aus Sprache und Darstellungsweise weitere Anhaltspunkte zur Scheidung der griechischen Teile von arabischen Zutaten gewinnen. Vorderhand wäre für die systematische Aufsuchung der den arabischen Ausdrücken entsprechenden griechischen Ausdrücke, wie überhaupt für die mathematikhistorische ebenso wie für die philologische Untersuchung die Anlage eines mit Stellennachweis versehenen Index der Fachwörter nötig, für den der Verf. der berufene Mann wäre. Die arabische mathematische Sprache ist nicht so wie die griechische erforscht und macht manchmal wegen der Mehrdeutigkeit des Wortsinns oder der Schrift Schwierigkeiten. Der Fernerstehende darf es deshalb auch nicht falsch deuten, wenn Ref. nunmehr aus dem Verständnis des mathematischen Inhalts heraus zu einigen Stellen, die überwiegend aus dem dritten Buch gegriffen sind, Verbesserungen vorschlägt, soweit ihm dies ohne Einblick in die Handschrift möglich erscheint. Wenn (bei primitiven topologischen Vorstellungen) von den beiden Seiten eines Punktes (oder, wie \textit{62}, 8, eines Abschnitts) auf einer Linie oder von den beiden Seiten einer Linie auf einer Fläche gesprochen wird, so ist das betreffende Wort (\textit{ǧiha}) mit \textit{Seite}, nicht mit \textit{Richtung} zu übersetzen (z. B. \textit{6},14; \textit{104}, 16: ``nach der Seite, nach der die Neigung vorhanden ist''; \textit{104}, 17: ``also fällt das vom Punkte \(N\) zur Fläche \(ABGD\) gehende Lot nach derselben Seite des Durchmessers \(HET\) wie \(A\)'' (ich lese \textit{min} statt \textit{ma`a}); \textit{97}, 22: ``hier auf der Nordseite'', d. h. auf der nördlichen Halbkugel der Erde). Man vergleiche den entsprechenden Gebrauch von \textit{ǧiha} in \textit{Ṭūsīs} Ausgabe von \textit{Euklid}s \textit{Elementen}. -- \textit{60}, 21 liegt nicht, wie \textit{75}, 4-5 des vorliegenden Textes und VI, 9 von \textit{Ṭūsīs} Ausgabe der \textit{Elemente} eine \textit{mittlere}, sondern eine \textit{eingeschaltete} Proportionale vor, d. h. die Verwandlung von \(a:b\) in \((a:c) \cdot (c:b)\). -- \textit{65}, 18 nicht: ``\textit{Beweisabarten}'' sondern: ``ohne langes Reden und langes \textit{Sich-anschicken zum Beweis}''. Er meint, daß die Kataskeuē, d. h. die zum Beweis nötige Hilfskonstruktion, wegfällt. Der lange Satz kommt vielleicht am einfachsten dadurch in Ordnung, daß man \textit{65}, 16 vor `\textit{arafa} das \textit{wa} streicht: ``dann weiß er, daß, wenn in den Dreiecken \(\ldots\) ist, er sofort \(\ldots\) weiß (d. h. schließen kann), daß \(\ldots\)''. -- \textit{71}, 24-\textit{72}, 2: ``Ebenso ist die Sache bei der zweiten Figur, und alles, worauf wir bei den beiden Figuren des \textit{Menelaos} hinwiesen (ist ebenso). Also ist das Verhältnis des Sinus von \(LB \ldots\)''. Statt \textit{kullamā} lese ich \textit{kullu mā} (oder \textit{kulli mā}: ``und \textit{bei allem}, worauf wir \(\ldots\)''?) und statt \textit{bi} lese ich \textit{fa}. -- \textit{1}, 18: ``\(\ldots\) und mit der Abgrenzung (d. h. Bildung der Definitionen), welche bei (Befolgung) der direkten Methode in bezug auf sie nötig ist, dargestellt''. -\textit{2}, 1 schärfer: ``damit sich (nur) \textit{die eine} dreieckige Fläche ergebe''. Ließe man nämlich auch Bögen \(\geqq 180^{\circ}\) als Seiten und Außenwinkel als Winkel zu, so würde keine Eindeutigkeit erzielt. -- \textit{4}, 9; \textit{4}, 10: ``mit dem Abstand \textit{von} \(G\), \textit{von} \(A\)''. -- \textit{63}, 6: ``so \textit{sei} \(\ldots\)'' -- \textit{75}, 23-25 nicht: ``ist reziprok zu \(\ldots\)'', sondern: ``befriedigt'' \(=\) ``hebt sich auf gegen \(\ldots\)''. -- \textit{84}, 8: ``sagen'', nicht ``behaupten''. -- \textit{84}, 9 nicht: ``sei \(AG\) \textit{gleich} \(BG\) Teil der Ekliptik'', sondern: ``sei \(AG\) \textit{die Deklination} des Stückes \(BG\) der Ekliptik'' (statt \textit{miṯl} ist \textit{mail} zu lesen). -- \textit{98}, 3: ``der \textit{den} einen der beiden Kreise berührt''. -- \textit{104}, 20-21: Hier dürfte folgender Schluß vorliegen: \(\sphericalangle NFO > \sphericalangle NFQ > \sphericalangle NEQ\), folglich \(\sphericalangle NFO > \sphericalangle NEQ\). In den ergänzten Figuren VI, 12 und VI, 13 erfordert der Text, daß der Pol \(L\) auf der anderen Seite liegt. -- Buchstabenfehler, wie \textit{87}, 13 (lies \(L\) statt \(E\)); \textit{64}, 8 (\(TA\) statt \(BE\)); \textit{99}, 7 (\(ZD\) statt \(AD\)), wird der Leser meist selbst berichtigen können. -- Die Ekthesis (\textit{3}, 4) oder die Kataskeuē (\textit{3}, 7) mit ``So'' zu beginnen, ist nicht üblich. Auch nachdem, wie meistens, die Ekthesis in selbständigen Sätzen durchgeführt ist und der Diorismos als neuer Hauptsatz (λέγω, \(\dots\)) einsetzt, sollte man nicht mit ``So'' beginnen, sondern sagen: ``\textit{Dann} behaupte ich, \(\ldots\)''. Bemerkungen dieser Art sollen den Wert der vorliegenden Arbeit nicht herabsetzen. Der Kenner der früher von \textit{mathematischer} Seite mit Begeisterung unternommenen, aber sprachlich teilweise sehr unzulänglichen Übersetzungen aus dem Arabischen weiß, wie unentbehrlich auf diesem noch wenig bearbeiteten großen Felde die zuverlässige \textit{philologische} Arbeit ist, und hofft, daß der Verf. an solchen Texten ebenso hingebungsvoll weiterarbeiten wird.
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