Die Zahlenbegriffe der Sudansprachen. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte des Menschen.
Es ist nicht möglich, die inhaltreiche Arbeit des angesehenen Sprachforschers auch nur vom Standpunkt des Historikers und Psychologen der Mathematik aus in wenigen Zeilen voll zu würdigen. Es kommen die Zahlwortreihen, bzw. wie Kluge will, Zahlenbegriffsreihen, von rund 1000 Sprachen zur Untersuchung. Kluge suchte von hier aus Förderung zur Lösung des etruskischen Zahlenproblems und des damit zusammenhängenden Zahlenproblems von Mohenjodaro und Harappa. Kluge bezeichnet die Sudanneger in Übereinstimmung mit Johannes Ranke, der von verblüffender Begabung sprach, als hoch begabt. Die höchste geistige Leistung der Sudansprachen sieht er im Munga, Mada, Ninzam und Mama des Niger-Tschadgebiets. Es handelt sich um bis 1728 zählende Zwölfersysteme mit z. B. \(13 = 12 + 1\), \(24 = 12\)mal 2, \(144 = 12\)mal 12 und \(1728 = 144\)mal 12. Die ganz primitiven Zahlenverhältnisse sind in den Sudansprachen fast verwischt. Das älteste Zahlensystem des Sudan ist das Tetradensystem, heute nur noch gestört vorkommend. Es möchte mit der im vorderen Orient gebräuchlichen Zählung an den Fingerknöcheln ohne Daumen zusammenhängen, vielleicht aber auch mit dem Bedürfnis der Menschenvorfahren, als sie von den Bäumen herabstiegen, sich räumlich zu orientieren. Das jüngste System ist die Pentadenrechnung, die mit dem Zählen an Hand und Fuß zusammenhängt. Die Pentadenrechnung möchte Kluge aber nur als eine Fiktion auffassen, da der Zahlenbegriff ``fünf bei vielen Völkern auch wieder als aus kleinsten Summen (\(5 = 2 + 3\)) zusammengesetzt erscheint. Ähnlich geht die Hexadenrechnung auf eine Triadenrechnung zurück (\(6 = 3 + 3\)). Die Triadenrechnung entspricht einer ``dreidimensionalen Anordnung der Welt im Gegensatz zur ``vierdimensionalen der Tetradenrechnung, nämlich dem ``hier und dem zweifachen ``da und ``dort. In bescheidener Weise haben wir auch eine Heptadenrechnung im Sudan. Auffällig sind schließlich die vielen Bildungen ungerader Zahlen aus den nächsthöheren geraden durch Subtraktion der ``eins, z. B. im Lendu im Nil-Kongogebiet: \(9 = 10 - 1\), \(11 = 12 - 1\), \(13 = 14 - 1\), \(15 = 16 - 1\) und die Bedeutungsverschiebungen, so daß z. B. wie im Edo im Niger-Kongogebiet 8 und 10 die gleiche Bezeichnung tragen. Die Arbeit enthält 18 Landkärtchen mit sorgfältiger Eintragung der in den einzelnen Gegenden anzutreffenden Zahleneigentümlichkeiten.
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